Das Land unter meinen Füßen

Veröffentlicht: Samstag, 10. Februar 2018



Eine Liebeserklärung an das Leben, mein Land und meine Vorfahren.

Jetzt sitze ich hier und Tränen laufen meine Wange herunter.

Hinter mir steht eine unendlich lange Reihe von Müttern und Großmüttern, hinter mir, neben mir, vor mir. Ich werde mir bewusst, dass ich gleichzeitg Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart bin. Ihrer. Meiner. Die meiner Kinder. Und die meiner Enkelkinder. Niemand konnte mich mehr zu der Frau machen, die ich jetzt bin. Diese Frau, die mit 36 Jahren verstanden hat, was für ein Erbe sie angetreten hat, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein.

Vor ein paar Tagen hat es mich getroffen wie ein Blitz und als würde sich ein Schleier von meinen Augen heben, konnte ich es klar und deutlich vor mir sehen. Ich habe einen Teil meiner Wurzeln finden können. Tief in mir habe ich es immer gewusst, aber jetzt stehe ich hier und habe es schwarz auf weiß vor mir stehen.

Ich bin tief verwoben und verwurzelt mit diesem Land, auf dem ich lebe, meine Familie lebt hier tatsächlich seit über 700 Jahren. Die gleiche Erde unter meinen Füßen, der gleiche Wind in meinen Haaren, die gleichen Sonnenstrahlen auf der Haut, das gleiche Wasser in meinem Körper... Dieses Land hat über 20 Generationen meiner Familie ernährt, getragen, geborgen, versorgt. Jetzt weiß ich, warum ich mich schon immer so unendlich verbunden gefühlt habe mit 'meinem' Land, warum ich dieses Land körperlich fühlen kann. Warum ich mich als eine Art Priesterin dieses Landes fühle, denn meine Knochen, meine Haut und meine Seele sind Teil dieses Landes. Wasser, Staub und Knochen. Meine Vorfahren sind nicht nur hier begraben, sie sind Teil dieses Landes geworden.

So verbinden sich meine Ahnenreihe, und ich mit ihnen, untrennbar mit dem Boden, mit der baren Erde zu meinen Füßen.

Ich bin eins mit ihr, sie ist eins mit mir.

Meine Knochen, ihr Atem.

Dein Wind spielt mit meinen Haaren, wispert Geschichten in mein Ohr, Geschichten von Nebel, Tau und der Dämmerung hinter den Hecken. Du zeigst mir Liebe, die wächst, vergeht und neu geboren wird, im ewigen Kreislauf... in Deinem ewigen Kreislauf. Ich atme Dich ein, nehme Dich ganz in mich auf.

Wind meine Ahnen, Feuer meine Mutter, Erde mein Ursprung und Wasser mein Leben. Wir sind eins wie die Blätter und der Wind, wie der Sturm und die Wellen. Ich küsse deinen Tau, der meinem Geist Leben gibt.

.. wir atmen uns ein, doch niemals ganz aus ...

Und ich erkenne, dass es kein ich und kein Du mehr gibt. Ich bin der Sturm, der Bäume entwurzelt. Ich bin die Zeit, die ihn verwittern lässt. Ich bin der Wurm, der ihn frisst. Und ich bin die Fruchtbarkeit, die neues Leben aus ihm erwachsen lässt.

Ich bin der Habicht, der deine Träume zerreist und sie in allen vier Winden verstreut. Doch bin ich die Magie, die sie durch den Flügelschlag eines Schmetterlings wieder zusammensetzt und auf den Schwingen einer Krähe in die nächste Sphäre trägt... Ich bin das Licht, das deinen Träumen Leben gibt. Ich bin dunkel, ich bin mächtig, und ich singe zum Klang deiner Knochen ein Lied von Tod und Verderben, von Leben und Liebe. Ich bin die Melodie, die Deine Seele ruft...

Wir sind eins. Für immer.

Land unter meinen Füßen, Mutter meiner Sippe.

Wind mein Haar, Feuer mein Atem, Erde meine Haut und Wasser mein Leben.

Comments 

0 # BerührtElaria 2018-02-12 19:21
Wow. Danke für diese Zeilen, sie klingen in mir!
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0 # WunderschönIngrid 2018-02-12 19:30
Liebe Miriam,
sehr gern habe ich deinen Post gelesen. Er hat mich tief berührt!

Lieben Gruß Ingrid
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